Cultural Association of Miamou-Lentas

Eine Perle der Berge – mit Einschränkungen (noch)

Unzählige Serpentinen muss man hinauffahren von der Messara-Ebene aus, um auf den Höhen der Asterousia-Berge irgendwann zu einem kleinen Dorf zu gelangen, das über einem wunderschönen Tal liegt. Man ist in Miamou, ein wohlklingender Name, der sich sofort einprägt. Links und rechts der Durchgangsstraße rangieren die typisch weiß gekalkten Häuser, wer jetzt ahnungslos weiterfährt, erreicht nach wiederum endlosen Kurven das Libysche Meer mit dem kleinen Küstenort Lentas.

Hält man jedoch an und steigt nach einem schnellen griechischen Mokka im einzigen Kafenion des Ortes den Hügel hinauf, der noch einmal über allem thront, so findet man sich schnell in einem Gewirr von engen Gassen wieder. Diese sind gesäumt von zumeist recht zerfallenen Steinhäusern, stumme Zeugen einer anderen Zeit, als hier teils noch über 300 Menschen lebten. Heute sind es um die 65.

Inmitten dieser Ansammlung von halben Ruinen, die den größeren Teil der Berggemeinde ausmachen, trifft man jedoch überraschend auf ein nicht nur intaktes, sondern auch sehr schmuckes Gebäude. Es handelt sich um das neue Gemeindezentrum, das mit Fördermitteln zur Unterstützung des ländlichen Raums erbaut wurde und neben einem kleinen Museum (mit Alltagsgegenständen kretischer Bauern) einen Aufenthaltsraum, eine Küche und eine Bibliothek enthält. Unweit davon findet sich das alte Schulhaus, das seinerseits renoviert wurde und nun für größere Veranstaltungen und Feiern dient.

Ein Kreter, ein Verein, ein Projekt

Beide Gebäude stehen stellvertretend für ein Projekt, das einst von Kostas Manidakis ins Leben gerufen wurde. Für den Geologen, er studierte an der Universität von Genua, ist es Herzensangelegenheit wie Lebensaufgabe zugleich, den verfallenen Dorfkern zu renovieren und die Gemeinde insgesamt wiederzubeleben. Worüber er von Beginn an seine sehr eigenen und ausgefeilten Vorstellungen hatte.

   

(Kostas Manidakis)

Nicht weniger als ein neues Gemeinschaftsgefühl soll mit der Wiederinstandsetzung der maroden Bausubstanz in das Dorf einziehen. Dies bedingte zunächst, der faktischen Überalterung zu begegnen. Jungen Leuten sollte hier wieder eine Perspektive geboten werden. Drei der verfallenen Häuser sind seit kurzem im Besitz des Vereins, den Manidakis zusammen mit Gleichgesinnten vor etlichen Jahren gegründet hat (Cultural Association of Miamou-Lentas Asclepius). Sie sollen als nächstes renoviert werden. Zwei davon werden dann jungen Ehepaaren mit Kindern zur Verfügung gestellt, zusammen mit einigen Parzellen Land. Das dritte soll freiwillige Arbeitskräfte beherbergen, die zeitweise an dem Projekt mitarbeiten.

An Unterstützung von außen hat es in der Vergangenheit nicht unbedingt gemangelt. So zum Beispiel durch die Asklepios-Gesellschaft in Heraklion, der Archäologen und Architekten angehören, aber auch durch den früheren Präsidenten von Kreta, Stavros Kambelis. Ein schwedischer Bauunternehmer will aktuell tatkräftige wie materielle Unterstützung leisten. Überhaupt kommen immer mal wieder Reisegruppen, die von Manidakis zuvorkommend bewirtet und herumgeführt werden.

   

Gesellschaftliches Gegenmodell

Doch die Gedanken des kräftigen und großgewachsenen Kreters gehen weiter. Gerade vor dem Hintergrund der griechischen Krise soll hier ein Gegenentwurf installiert werden, der auf Graswurzel-Prinzipien beruht. Selbstbestimmung und Selbstorganisation als Grundlage, Selbstversorgung, soweit es geht („Vor 50 oder 60 Jahren war die Region noch unabhängig von außen, so Manidakis in einem Youtube-Clip“). Und Arbeitsplatzbeschaffung steht natürlich auf der Tagesordnung. Kooperation und kollektive Strukturen sind dabei angesagt. In und mit diesen sollen traditionelle Anbau- und Verarbeitungstechniken in der Landwirtschaft wiederbelebt werden, verknüpft mit biologisch-organischem Anbau. Die Küche im Gemeindehaus ist bereits oft Altar traditioneller Koch- und Backkünste gewesen. Altbewährte Handwerkstechniken sollen gleichermaßen nicht in Vergessenheit geraten. Ausdrücklich werden bei all dem Vernetzung und internationaler Austausch gesucht. Mit Führungen und kulturellen Festen will man ebenso die vielen Touristen ansprechen, die an der nahen Küste logieren.

Ein anspruchsvolles Programm, das mögen die kretischen Götter bestätigen. Aber auch eines, das angebracht ist in Zeiten, da die griechische Bevölkerung unter den Auswirkungen der Austeritätspolitik der EU leidet. Es erfordert allerdings eine Abkehr von einem gewissen Egotrip, dem auch so manche Kreter sich unterwerfen. Nur gemeinsam und gemeinschaftlich wird man die vielen Probleme angehen können. Das Projekt Miamou ist ein Beispiel dafür, was die griechische Soziologin Gorgia Bekridaki beschreibt: „Die Menschen versuchen, auf die Krise durch die Schaffung neuer Strukturen der Solidarität, den Aufbau von Beziehungen neuen Typs, neuen Formen der Nachbarschaft, neuen öffentlichen Räumen, ersten Ansätzen eines allgemeinen Wandels zu antworten.“

   

(Gemeinschaftshaus)                                                          (Museumsraum)                                                                 (Neuer Backofen)

Und noch eine „Baustelle“

Nicht vergessen werden soll hier ein zweites „Standbein“ des Vereins. Im nahen Lentas gibt es das „Asklepios-Heiligtum“, Ausgrabungen einer uralten Heilstätte, die eben nach dem Arzt Asklepios benannt ist. Neben der Pflege der bereits freigelegten Schätze engagiert sich der Verein dafür, eine Fortsetzung der Ausgrabungen zu ermöglichen. Das Areal ist nach Expertenmeinung eine Fundgrube und dürfte viele weitere Überraschungen parat halten.

 

Wer nach der Besichtigung jenes Heiligtums dann wieder zurück- und durch Miamou fährt, der wird nicht unbedingt wissen, was in Siegfried Laufers Standardwerk „Lexikon der historischen Stätten Griechenlands“ auch zu lesen ist: „In Miamou legten italienische Archäologen eine neolithische Wohn- und Grabstätte frei; sie weist die für die Höhlen Kretas typische Abfolge von ursprünglicher Wohnung und späterem Begräbnisplatz auf“.

Fürwahr, das Dorf hat wirklich Tradition. Bis in die Steinzeit zurück. Ein Grund mehr, den nicht immer einfachen Weg in eine blühende Zukunft zu unterstützen.

Fotos: Arn Strohmeyer (mit Ausnahme des ersten Bildes)