Geschichtlicher Streifzug (Historical Foray)

Am Anfang steht der Mythos

Die Kindheit des Zeus in seinem Versteck im Ida-Gebirge. Die später sattsam bekannte Lust und Potenz des Göttervaters. Von den Gestaden der Levante entführt dieser eine zauberhafte Prinzessin nach Kreta. Durch ihre Vereinigungen mit Zeus gebiert Europa den sagenhaften König Minos und seine zwei Brüder.

Mythen überhöhen nicht selten Historisches. Der antike Geschichtsschreiber Herodot (5. Jahrhundert v. d. Z.) hat das wohl berühmteste Kidnapping der Geschichte als Vergeltungsmaßnahme der Griechen („Das dürften Kreter gewesen sein“ sic!) gedeutet. Als eine unmittelbare Folge der Entführung der argolischen Io durch die Phönizier nach Ägypten. Im Hintergrund sieht er dabei den Konflikt zweier sehr verschiedener Lebens- und Kulturräume, nämlich Europa und Asien.

Neuzeitliche Forscher vermuten eher eine umfassende Migration in prähistorischer Zeit. Ein- und Auswanderungen zwischen Ost und West auf der Basis sowohl feindseliger wie freundschaftlicher Beziehungen. Die Motive Herrschaft und Wanderung ziehen sich wie ein roter Faden durch die entsprechende Geschichte. Dass die phönizische Prinzessin die Namensgeberin unseres Kontinents ist, hat Herodot einst so skeptisch bezweifelt, wie es heute als fast schon allgemeinverbindlich gilt. Eine genaue Klärung darüber wird es wahrscheinlich nie geben.

Klassische Schnittstelle zwischen den Kontinenten

Um 2700 v. Chr. werden altägäische Traditionen an den griechischen und kleinasiatischen Küsten durch umfangreiche Völkerwanderungen ausgelöscht. Davon verschont bleibt nur die etwas abseits gelegene Mittelmeerinsel. Mit dem verbliebenen kulturellen Kapital zeigt sich Kreta in der Folge durchaus offen für fruchtbare neue Anregungen, vor allem im Austausch mit den Hochkulturen in Ägypten und dem Vorderen Orient (Mesopotamien). Das insofern nicht überraschende Ergebnis ist die erste europäische Hochkultur, jene der Minoischen Reiche.

Gelebte Friedfertigkeit

Die Minoische Hochkultur hat ihren Ursprung auf Kreta, sie erstreckt sich vermutlich im Laufe der Zeit jedoch über den gesamten ägäischen Mittelmeerraum. Vor allem die Fresken von Knossos vermitteln den Eindruck einer friedfertigen, leichten und spielerischen Frühgesellschaft. Bilder oder Statuen von bewaffneten Kriegern fehlen völlig.

Auch ansonsten sind die Minoer sehr rührig: Sie erfinden die ersten europäischen Schriftzeichen. Ebenso verfügen sie über talentierte Konstrukteure und Baumeister, die unter anderem die ersten Straßen Europas, mehrstöckige Palastanlagen, weitläufige Wasserleitungen und Kanalisationssysteme erschaffen. Der Untergang dieser Hochkultur in zwei, drei Etappen ist zunächst bestimmt durch Naturkatastrophen (Vulkanausbruch, Seebeben, Erdbeben). Vollendet wird er durch eine zunehmende Infiltration aus der Ägäis und vom griechischen Festland (Mykener, Dorer).

  

Götterexport und mehr

Ein wesentlicher Teil des olympischen Götterhimmels hat seine Wurzeln wahrscheinlich in der minoischen Kultur und auch deren Vermischung mit den Glaubenslehren der eingewanderten Kolonisten. Von den später die Ägäis beherrschenden Hellenen wird jener metphysische Überbau dann ihrerseits übernommen. Dafür zeugen eine Reihe von Belegen aus religiösen Zentren auf dem griechischen Festland (Eleusis und andere).

Auch in weltlichen Belangen nimmt Kreta in der Folge reichlichen Einfluss auf den mediterranen Lebensraum. Bei den rechtlichen Leitlinien des menschlichen Zusammenlebens greifen zum Beispiel die Griechen Solon und Lykurg auf minoische Gesetze zurück (was noch von Aristoteles und Platon gewürdigt wird). Die minoische Linear-B-Schrift gerät zur Grundlage des griechischen Alphabets. Vielerlei Techniken der Metallverarbeitung und des Schiffsbaus kommen von Kreta, zudem die Navigation nach Sonne und Sternen. Die minoische Seh- und Empfindungsschule im Bereich der Künste übt weiterhin ihren Einfluss aus. Letztlich sind es die Reben und Ölbäume, die sich von Kreta aus in nördlichere Regionen verbreiten.

Die Kehrseite der Medaille

Die prädestinierte Lage von Kreta (Schnittstelle zu Afrika und Asien) erweist sich in der Folge auch als gravierender Nachteil. Die Insel wird in den drei Jahrtausenden nach der minoischen Hochkultur zum begehrten Invasionsgebiet. Den Charakter ihrer Bevölkerung prägt dies nachhaltig. Durch die Assimilation der Minoer mit mykenischen und dorischen Besatzern hat sich bereits so etwas wie eine „spezielle kretische Mentalität“ entwickelt, die durch die Etappen der kommenden Besetzungen konsolidiert und geschärft wird. Römische Herrschaft von der Mitte des ersten Jahrhunderts bis zur Christianisierung des damaligen Weltreiches. Die Phase byzantinischer Kontrolle der Insel (5. – Anfang 13. Jahrhundert) hat ein zwischenzeitliches Intermezzo mit arabischen Sarazenen (Piraten und Sklavenhändler). Hier manifestiert sich zum ersten Mal in größerem Ausmaß die zukünftige Guerillataktik der Kreter mit Rückzug in die vielen Berge der Insel. Trotz vieler Aufstände nützt diese wenig gegen die venezianische Besatzung vom 13. bis Mitte des 17. Jahrhunderts. Dann überrollt das osmanische Imperium die Insel. Die Freiheitskämpfe der Kreter gegen die Türken werden legendär und sind heute noch Bestandteil vieler Lieder und Erzählungen. Es dauert dennoch fast bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, bis Kreta zunächst in eine De-facto-Unabhängigkeit gelangt, um dann 1913 mit Griechenland vereint zu werden.

      

Nicht Grieche, sondern Kreter

Auf diese Aussage wird man dennoch auch heute noch oft treffen. Per Tradition verfügen die Inselbewohner, so der Autor Johannes Gaitanides, über einen gewissen Hang zum permanenten Rebellentum. Der Kreter von heute, so unbedingt er Freude daran hat, andere übers Ohr zu hauen – was er nicht als Lüge oder Täuschung versteht, sondern als Fantasie und List –, lässt sich nur ungern etwas vor die Nase setzen. Und dies erst recht nicht, wenn er nicht weiß, was für ihn dabei herausspringt. Dann regt sich sofort sein anarchischer, tief verwurzelter Freiheitsdrang, dann erwacht der historische Rebell gegen die Herrschaft schlechthin wie gegen Verwaltung, Politik und Vereinnahmung. Und ganz nebenbei ist dies für ihn auch die beste Medizin gegen die verabscheute alltägliche Monotonie und Langeweile.

Selbst geschaffene Kontrolle durch Familie und Dorf haben allerdings immer noch in weiten Teilen der Insel ihren Platz. Selbstbeherrschung und Haltung sind geschätzte Charaktereigenschaften, und Würde, wo es angebracht ist. Der Kreter liebt Rituale und Zeremonielle, hat Achtung vor Traditionen. Gleichwohl trägt er immer ein Knäuel aus Gegensätzen und Widersprüchen in sich, die ihn aber nicht zerreißen: der Kreter bleibt rund in seiner Kantigkeit, er ist die Vereinbarung des Unvereinbaren in einer Person. Auch dies alles eine Einschätzung von Gaitanides.