Problemfeld Wasser (The water problem)

(Dokumentation von Desertifikation auf Kreta, von www.geoapikonisis.gr)

Geschlossenen Auges in die Katastrophe

„Stell dir vor, jemand kommt auf einem einsamen Bergweg auf dich zu und will dir die Kehle durchschneiden. Und was machst du? Du öffnest freiwillig Jacke und Hemdkragen. So verrückt ist das hier mit dieser Sache.“ Soweit, in einer Mischung aus Wut und Resignation, ein knapp dreißigjähriger Kreter vor zwei Jahren. „Mit dieser Sache“ war gemeint die Einstellung vieler seiner Landsleute zur Wasserproblematik vor allem im Süden der Insel. Oder besser: die nicht vorhandene Einstellung zu einer wirklich existentiellen Bedrohung, die längst akut ist. Die in naher Zukunft dazu führen könnte, dass die Regionen im Asterousia-Gebirge und der Messara-Ebene komplett verwüsten. Desertifikation nennt sich das. Der gute Mann, nennen wir ihn einfach Manolis oder Nikos, gehört zu der Minderheit in der Gegend, die sich substantiell mit dem Thema auseinandergesetzt hat.

Die Illusion unendlicher Verfügbarkeit

Die „Wasserproblematik“ ist eine Angelegenheit, die einige Ursachen zeitigt. Die offensichtlichste und vordergründige ist die Übernutzung der vorhandenen Ressourcen. Der Dorfverein Tsigounas (siehe Menü „Projekte“) hat dazu in Kooperation mit dem Lehrstuhl Umweltsystemwissenschaften der ETH Zürich ein Forschungsprojekt durchgeführt. Im Vorwort der Veröffentlichung dazu heißt es:

„Tsigounas gehört zur halbtrockenen Region Südkreta. Das Klima ist durch geringe Niederschläge m Winter gekennzeichnet und durch regenfreie Sommermonate. Landwirtschaft ist nur mit zusätzlicher Bewässerung möglich. Über 80% des allgemeinen Wasserbedarfs gehen heute tatsächlich in die Landwirtschaft. In den letzten dreißig Jahren wurden die Anbaumethoden intensiviert, der Gewächshausanbau hat zudem große Teile der traditionellen Freilandhaltung ersetzt. Als Resultat ist der Wasserbedarf geradezu explosionsartig angestiegen. Überall in der Region wurden neue Grundwasserbrunnen gebohrt. Die daraus resultierende Übernutzung von Wasser hat zu einem dramatischen Absinken des Grundwasserspiegels geführt. In den Jahren zwischen 1989 und 1999 betrug diese Senkung 20 Meter, die aktuelle Tendenz ist gleichbleibend. Für die küstennahen Gegenden bedeutet diese Entwicklung die Gefahr eines Einbruchs von Meerwasser. Ohne die natürliche Frischwasserbarriere werden die dezimierten Grundwasserhöhlungen durch eindringendes Meerwasser gefüllt. Eine Verwendung dieses nun salzigen Grundwassers zur Bewässerung würde innerhalb weniger Jahre zur Desertifikation der betroffenen Gebiete führen.“

Ergänzend dazu muss man anführen, dass überwiegend im Asterousia-Gebirge gebohrt wird, dessen Ressourcen bislang auch erhebliche Teile der Messara mitversorgt haben.

Wenn Tanks nicht mehr aufgefüllt werden

Das Projekt LEDDRA des ‚Ecologic Institut EU‘ hat in einer vierjährigen Untersuchung die Gründe für Bodendegradation (Verschlechterung der Ökosystemdienstleistungen des Bodens bis hin zu deren völligem Verlust) und Desertifikation untersucht. Neben Regionen in China, Russland, Portugal, Spanien und Cap Verde wurde dafür auch – wer hätte das gedacht – die Gesamtregion Asterousia/Messara ausgewählt. Fokussiert auf die Wasserknappheit dort lässt sich neben der Übernutzung (die ebenso durch die in den letzten Jahrzehnten immens angestiegenen Olivenkulturen vor allem in der Messara mit verursacht ist) ein weiterer Faktor diagnostizieren. Überweidung vor allem im Asterousia hat zur Vernichtung großer Teile der Erosionsdecke geführt. Das Regenwasser hat durch die Verkarstung keine Chance mehr, in die Böden einzusickern und die Grundwasservorräte aufzufüllen. Es fließt einfach ab, und dies teilweise in katastrophalem Ausmaß. (Wiederholt sind dabei durch die temporären Wassermassen an der Küste ganze Fahrzeuge weggespült worden.) So ganz nebenbei wurde damit über die Jahrzehnte auch wertvoller Ackerboden fortgeschwemmt, der für eine Kleinagrikultur in den Bergen ideal gewesen wäre.

  

(Olivenhaine und Gewächshäuser als Wasserfresser)

Konkurrenzprinzip und Nachlässigkeit

Zurück zum Tsigounas-Forschungsprojekt. Die Bohrungen nach Wasser erfolgen überwiegend auf privatem Gelände durch die Eigentümer, sie liegen also quasi in Familienhand und kommen auch nur der (zum Teil erweiterten) Familie zugute. Ähnlich ist es bei den Zisternen im Dorf oder in Dorfnähe. Das durch den harten Absatzmarkt eh vorgegebene Konkurrenzprinzip unter den Landwirten wird hierdurch noch einmal verstärkt, zumal die irrige Annahme vorherrscht, je mehr Wasser, desto mehr Ernteertrag. Die Möglichkeit, zumindest im Winter das Regenwasser zu nutzen, wird immer noch viel zu wenig in Betrag gezogen. Dabei könnte dies bis zu 35% des Bedarfs decken, würde man nur Auffangbecken einrichten und vor allem das Ablaufwasser von den Gewächshäusern sammeln würde. Das indes tun die wenigsten Bauern im Ort. Regenwasser wird zudem von den Pflanzen sehr viel besser genutzt, könnte also auch den Bedarf reduzieren. Das Grundwasser ist dagegen sehr mineralhaltig und führt oft zu unguten Ablagerungen von Mineralsalzen. Ein weiteres Problem ist lange Zeit der nachlässige Wassertransfer gewesen. Schläuche und deren Kupplungsteile haben oft Porosität bzw. Undichtigkeiten aufgewiesen, der Wasserverlust unterwegs war eklatant. Hier ist im letzten Jahrzehnt durch Bewusstseinsbildung jedoch eine Menge passiert. Die Untersuchung hat auch ergeben, dass durch spezielle Bewässerungspraktiken in den Gewächshäusern ebenfalls eine Menge gespart würde.

Kein Problem mit dem Problem

Ein Umdenken hier ist aber noch marginal. Wie insgesamt gegenüber der existentiellen Bedrohung durch die Senkung des Grundwasserspiegels. Zitat aus der Publikation:

„Die Mehrheit der Bauern negierte jegliche Wasserknappheit. Landwirte, die über Wassermangel berichteten, beschrieben dies als vorübergehendes Problem, meist im Mai/Juni aufgrund des großen Wasserbedarfs der Wassermelonen und manchmal im September/Oktober, wenn sich der Herbstregen verzögerte. Kein Landwirt hielt die Wassersituation für wirklich problematisch, und schon gar nicht die Senkung des Grundwasserspiegels.“

(Collage: Wie soll die Messara einst aussehen?)

Mögliche Gegenmaßnahmen

Um diesen aufzufüllen, bräuchte es beachtliche Aktivitäten im Gebirge. Zunächst einmal müsste es zu einer Verständigung und Kooperation zwischen Landwirten und Viehzüchtern kommen, um die Folgen der Überweidung einzudämmen. Keine einfache Angelegenheit bei der Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte. Von 1960 bis 2000 ist der Bestand von Schaffen und Ziegen von 30.000 auf 90.000 gewachsen. Der Bestand heute wird weit darüber liegen. Dazu kommt eine gewisse Monopolisierung in der Viehzüchter-Gilde. Immer weniger Eigentümer haben immer größere Herden. Der Hirte als Selbstversorger der Familie stirbt aus.

Des Weiteren müssten umfangreiche Maßnahmen getroffen werden, um das Regenwasser durch Versickern wieder dem Grundwasser zuzufügen. Dies ist durchaus machbar, wie die Aktivitäten des Wasserspezialisten Sepp Holzer aus Österreich gezeigt haben, der in den letzten Jahrzehnten auf der ganzen Welt beratend tätig war. Kleine Dämme, Mauer, Auffangbecken, Gräben und mehr müssen das Regenwasser einfach zurückhalten und dann auch weitflächig verteilen. Aber damit muss man erst einmal anfangen.

Sensibilisierung als wichtige Aufgabe

Wichtig dafür ist ein substantielles Problemverständnis in der Bevölkerung. Die Studie des Tsigounas-Vereins und der ETH Zürich kommt abschließend zu der Erkenntnis, dass die Bauern (und auch Viehzüchter natürlich) allein nicht für den Grundwassermangel verantwortlich gemacht werden können. Sie haben sich dem allgemeinen Diktat von Profitmaximierung und Wachstum auch auf dem Agrarmarkt anpassen müssen. Ohne ihre Beteiligung kann das Problem aber auch nicht gelöst werden, also ist es nötig, ihnen die Problematik bewusst zu machen. Dies kann jedoch nur behutsam und sorgfältig geplant erfolgen, indem man in ihrem eigenen Alltag ansetzt, in dem theoretische und abstrakte Erklärungen völlig überflüssig sind. „Sich um Wasser zu kümmern, muss so selbstverständlich sein in ihrem Verständnis wie sich um die eigenen Pflanzen zu kümmern. Wassersparen muss für sie genauso von Wichtigkeit und Interesse sein wie die täglichen Marktpreise von Gurke oder Tomate.“

Es ist de facto eine Frage von Bildung und Weiterbildung, welche die Klientel respektvoll in ihrem Erfahrungsbereich abholt. Gleichzeitig aber auch klarmacht, dass es um gemeinsame Probleme geht, die nur gemeinschaftlich gelöst werden können. Und nicht nach dem Prinzip Jeder-für-sich und gegen alle.